Aktienmärkte: Die Angst vor dem doppelten Boden: BÖRSE am Sonntag
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Aktienmärkte: Die Angst vor dem doppelten Boden


Die Corona-Pandemie hat die Aktienmärkte mit voller Wucht getroffen und in ungeahnte Tiefen gezogen. Es folgte allerdings eine deutliche Erholungsrally, die Kurse steigen wieder kräftig und viele Anleger sind nun zuversichtlich, dass das Schlimmste längst überstanden sei. Doch Vorsicht: Der Schein kann trügen.

Hoffnung und Zuversicht kehren zurück! Seit Ostersonntag meldet Deutschland täglich mehr von Covid-19 genesene als neu infizierte Menschen. Auch hat sich der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und die Reproduktionszahl – sie gibt an, wie viele Personen von einem Infizierten durchschnittlich angesteckt werden – ist hierzulande auf einen Wert von 0,7 gesunken. Während die Zahl der Neuinfizierten in den besonders schlimm betroffenen Ländern Italien und Spanien ebenfalls weiter abnimmt, nehmen Fabriken und Unternehmen in China die Arbeit langsam wieder auf und auch die USA planen eine rasche Ankurbelung der Wirtschaft mittels eines Drei-Phasen-Modells zum Ausstieg aus dem Lockdown. Ähnlich sieht es in Deutschland aus, wo die Beschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus allmählich gelockert werden, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Woche bekannt gab.

All diese Nachrichten führen dazu, dass nicht nur die Bevölkerung optimistischer in die nähere Zukunft blickt, sondern auch Anleger an den Börsen in Investitionslaune kommen. Bestes Beispiel hierfür ist der Dax, der seit seinem Tiefstand von 8.441,71 Punkten am 18. März zu einer so starken Erholungsrally angesetzt hat, dass er seit Ostern deutlich Angriff auf die 11.000-Punkte-Marke nimmt. Und auch der als Taktgeber der internationalen Börsen geltende Dow Jones hat seit Ende März wieder deutlich um starke 5.000 Punkte zugelegt. Für zusätzlichen Optimismus sorgen darüber hinaus die jüngsten Konjunkturdaten aus dem Reich der Mitte, nach denen der chinesische Außenhandel im März deutlich schwächer von der Corona-Krise betroffen war als allgemein erwartet wurde. „Sollte China mit vergleichsweise geringen wirtschaftlichen Einbußen durch die Pandemie kommen, wäre das positiv für die Weltwirtschaft“, meint Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners.

Doch just inmitten dieser Aufbruchsstimmung nach dem laut der Bank of America „schnellsten Absturz aller Zeiten“ schüttet ausgerechnet der als ein Pionier für globale Aktieninvestments geltende renommierte US-Portfoliomanager Mark Mobius Wasser in den Wein. Während vielerlei Experten das Tal der Tränen nach der deutlichen Erholung der Märkte durchschritten sehen, befürchtet Mobius in einem Interview mit dem US-Nachrichtendienst CNBC, dass der durch die Corona-Pandemie ausgelöste „absolute Tiefpunkt“ noch nicht mal erreicht sei. „Ich denke, wir sind noch nicht ganz unten, weil die Auswirkungen dieser Abschaltung unglaublich sind“, so gibt der ähnlich wie Warren Buffet als Guru gefeierte 83-Jährige zu bedenken. Laut Mobius „sehen die Dinge aus Sicht der Unternehmensgewinne ziemlich schlecht aus“. Er empfiehlt den internationalen Regierungen dringend, die Wirtschaft wieder „auf irgendeine Weise“ zu öffnen, um weiteren Schaden abzuwenden. Anleger gibt Mobius den Tipp, „etwas Pulver für einen weiteren Abschwung trocken zu halten“. Zudem rät er, zehn Prozent des eigenen Anlagevermögens in Gold zu investieren und hohe Bargeldreserven zu horten. Schließlich warnt der Finanzexperte vor einem doppelten Boden beim Chartverlauf der Aktienmärkte.

Doch was meint der Experten, wenn er vom „Doppelboden“ spricht? Mobius spielt auf eine Charttechnik in der Formationslehre an, die wegen ihrer optischen Darstellung auch „W-Formation“ genannt wird. Dabei gibt diese darüber Auskunft, dass auf einen Abwärtstrend eine bullische Trendwende – diese sehen wir aktuell an den internationalen Aktienmärkten – folgt. Doch anstatt, dass der Kurs weiter ansteigt (wie bei einer V-Formation), fällt dieser erneut bis zum alten Tief (Mobius geht im aktuellen Fall sogar davon aus, dass dieses noch unterschritten wird), ehe er erst danach wieder auf das ursprüngliche Hoch-Niveau steigt. Folglich rechnet Mobius mit einer erneuten Talfahrt der Aktienmärkte und mit der Existenz eines zweiten Tiefs (bzw. Bodens): „Ich denke, wir werden wahrscheinlich einen doppelten Boden sehen, wieder abwärts rutschen und dann wieder steigen".

Ferner geht der Finanzexperte davon aus, dass dieser Abwärtstrend kräftig Fahrt aufnimmt, sobald Unternehmen ihre Zahlen präsentieren. Wie dramatisch sich die Krise auf die Bilanzen auswirken würde, sei aus seiner Sicht aktuell noch nicht „sofort sichtbar“. Von einer vollständigen Erholung der Märkte innerhalb kürzester Zeit nach dem Corona-Crash, der sich ja ebenfalls in Rekordgeschwindigkeit vollzogen hatte, geht Mobius jedenfalls nicht aus. Ähnlich schätzt auch die Bundesbank die Situation ein. Auch sie rechnet nach dem steilen Absturz nicht mit einem ebenso steilen Aufstieg. In ihrer jüngsten Verlautbarung geben die Ökonomen der Bundesbank zu bedenken, dass substanzielle Restriktionen aller Vorrausicht nach bestehen bleiben müssten, ehe eine medizinische Lösung – wie zum Beispiel ein Impfstoff – verfügbar sei. Bis dahin könnten allerdings noch mehrere Monate verstreichen. „Eine rasche und starke wirtschaftliche Erholung erscheint aus diesem Grund aus gegenwärtiger Perspektive eher unwahrscheinlich", lautet ihre pessimistische Analyse.

Langfristig allerdings seien durch die Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB), milliardenschwere Hilfspakete der Bundesregierung und das ausgebaute System der sozialen Sicherung, etwa durch das Instrument der Kurzarbeit, die Voraussetzungen dafür gegeben, „dass sich die deutsche Wirtschaft wieder nachhaltig erholen kann, sobald die gesundheitlichen Bedrohungen durch das Coronavirus zurückgehen." Es ist in Anlegerkreisen also vor allem eines gefragt dieser Tage: Geduld.  

WIM

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18.04.2020 | 08:59

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